Harald Stieding "Argusstein"
Barbara Neuhäuser "Vogelstein"

Skulpturenwanderweg 12 Km

Kunst im Öffentlichen Raum gestalten und erleben

Behringen - Hütscheroda

Es gibt in Deutschland eine Fülle von landschaftlich reizvollen Gegenden, die man immer wieder aufsucht, um zu wandern und um sie kennen zu lernen. Man fühlt sich verzaubert und angelockt von dem Reiz der Natur, von klimatischen Besonderheiten oder vielleicht auch von der Geschichte, die sich mit dem Ort oder mit der Gegend verbindet. Aber ein besonderer Erlebniswert wird durch Kunst im öffentlichen Raum erzeugt. Kunst und Natur in einem Einklang zu suchen und zu finden, erweist sich in der heutigen Zeit sicher für jeden Besucher als attraktives Angebot Ruhe- und Freizeit zu genießen. Schon die englischen Landschaftsgärten erwiesen sich als Kunst- und Naturraum. Natur zu genießen, die Schönheit und die Stille zu erfahren. Ruhe erlebbar zu machen ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens, wenn dann noch Kunst ins Blickfeld rückt, ist alles komplett. Dass man sich mit der Verbindung von Kunst und Natur auseinandersetzt, zeigen nicht zuletzt auch die Skulpturenprojekte in Münster, die in den Jahren 1977, 1987, 1997 stattfanden, aber auch in der Stadt Gotha, dort in regelmäßigen Abständen seit 1992. Wie schon oft bei der Realisierung von Skulpturengärten, -parks und Kunstwanderwegen zu erkennen, ist, dass sie sich sehr häufig in Gegenden befinden, die meist unbekannt und landschaftlich interessant, aber noch nicht touristisch erschlossen sind. Bestes Beispiel ist sicherlich das TAL, in dem der Künstler Erwin Wortelkamp seine Projekte mit Künstlern im Westerwald realisiert. Auch der Kunstwanderweg bei Bülzig im Kreis Wittenberg ist ein noch nicht so bekannter Weg in einer sehr reizvollen Landschaft. Dort wurden 1993 sieben Skulpturen errichtet, um sowohl Landschaft als auch zeitgenössische Kunst erlebbar zu machen. Auch Behringen gehört nun seit 1996 zu diesen Orten. Hier hat der Initiator Jürgen Dawo einen Traum realisiert: einen Skulpturenpark und Skulpturerwanderweg im Landkreis von Eisenach. Jürgen Dawo sah in Erfurt, der heutigen Landeshauptstadt Thüringens, Skulpturen und seine folgende Überlegung war, in seiner Region nicht nur für kurze Zeit, sondern langzeitig Skulpturen aufzustellen.. Bei der Realisierung des Vorhabens halfen ihm Freunde, Bekannte und natürlich kunstinteressierte Menschen. Nach und nach entwickelte sich ein Konzept, dessen Umsetzung nun zu sehen ist, Genutzt wurde zum einen für die Kunst der herrliche Schlosspark von Behringen, der auf eine 200- jährige Geschichte zurückblicken kann, dessen Mittelpunkt die Weymouthkiefer bildet, zum anderen der ehemalige Eilbotenweg zwischen Behringen und Hütscheroda, der heutige Skulpturenwanderweg. Im Mai des Jahres 1996 begann das Projekt des Skulpturenparks in Behringen: Ein Bildhauersymposium, an dem bildende Künstler aus drei Ländern Europas mitarbeiteten: Stanislaw Bizek aus Polen, Leonia-Lena Chmielnik aus Polen, Jakub Lewinski aus Polen, Francois Noel aus Frankreich, Anna Paszkiewicz aus Polen, Reinmar Senftleben aus Deutschland, Ewa Soroczynska aus Polen und Harald Stieding aus Deutschland. Die Künstler, die gemeinsam im Park arbeiteten, suchten und wählten sich die Standpunkte selbst aus, wo ihre Arbeiten realisiert werden sollten, Aus der Kommunikation der Künstlerkollegen untereinander entstanden in einem Zeitraum von vier Wochen Arbeiten, die auf einer Skala von durchaus traditioneller Sicht auf die Kunst bis zum künstlerischen Experiment lagen. Ein Jahr später präsentierte der Initiator Jürgen Dawo die Ergebnisse der Gestaltung des Eilbotenweges zwischen Behringen und Hütscheroda. Durch den Weg wird das in reizvoll abgeschiedener Lage befindliche Hütscheroda mit Behringen verbunden. Der Weg, der am Hainich entlang - führt und das Tor zum Nationalpark Hainich bildet, gehört seit einem Jahr zum ersten Nationalpark von Thüringen. Gesetzt wurden Zeichen in Form von Skulpturen auf dem 6,5 Kilometer langen Wanderweg zwischen Behringen und Hütscheroda. Es sind Skulpturen, die auch die Phantasie der Wanderer und Kunstfreunde anregen können. Der Landschaftsraum ist zu einem Kunstraum geworden. Er beginnt in Hütscheroda mit der Skulptur von Stanislaw Bizek: "Nagelkompostion". Sie ist aus Holz und 5,5 Meter hoch Er setzt mit dieser Arbeit einen kräftigen Auftakt zum Wanderweg. Die Stele leuchtet von weitem rot, wie ein mahnendes Zeichen. Ein Nagel greift in das Holz ein. Daran schließt sich der "Vogelstein" der Künstlerin Barbara Neuhäuser an, geboren 1952. Der "Vogelstein" aus Sandstein mit der Höhe von 1,7 Meter zeigt einen überdimensionalen Kopf, der sinnend in die Landschaft schaut. Wie eine Maske von der Osterinsel wirkt er. Mit geschlossenen Augen träumt der Stein vor sich hin. Idolenhaft, denkt vielleicht der Wanderer, wenn er an ihm vorübergeht. Seinen Namen verdankt er seiner Bestimmung, als Ruheort für Vögel zu dienen. Drei "Leibräume" der Künstlerin Birgit Cauer schließen sich an. Es sind drei Drahtgeflechte, die ein interessantes Miteinander ergeben. Sie zeigen durch ihr transparentes Geflecht einen Innen- und einen Außenraum. Sie stehen fast figurativ in der Landschaft. Sie scheinen sich zu bewegen, verändern sich wohl noch im Laufe der Zeit, wenn der Draht zu rosten beginnt. An einer Weggabelung trifft der Wanderfreund auf ein Objekt, das mit vielen Assoziationen in die Geschichte dieses Ortes greift. Es ist die Arbeit von der Künstlerin Martina Benz: "Straße von Hesswinkel ". Martina Benz gehört zu der jüngeren Künstlergeneration. Ein sich auf- oder ausrollender Weg wird gezeigt. Mit diesem. Objekt erzählt sie die Geschichte einer Siedlung. Es ist die Geschichte eines alten Dorfes, das nach dem Zweiten Weltkrieg von Vertriebenen bewohnt wurde, die sich dort ein neues Zuhause schufen, von dem sie aber schon bald wieder ein zweites Mal vertrieben wurden. Nur noch die Steine der Künstlerin erzählen die Geschichte des Ortes, der nun nicht mehr existiert. Es sind Pflastersteine, die auf Drahtseile aufgezogen wurden, in Form einer Hand, die sich fast zur Faust ballt. Dinu Cämpeanu zeigt einen "Bienenstock" aus Buche. Er ist aus einem einzigen Stamm gehauen. Vier Öffnungen an der Basis weisen in die vier Himmelsrichtungen. Bienen summen um ihn, werden aber dort nicht ihr Nest finden. Klaudia Kandel schließt sich an. Ihre Arbeit trägt den Titel: "Äste aus dem Hainich". Sie sammelte Äste in der Umgebung des Wanderweges, fotografierte sie und kopierte die Fotos. Dann wurden die Äste mit den Kopien umwickelt und das Ganze wurde auf eine Betonplatte gelegt. In der Form einer Altaropferplatte liegen sie nun, warten scheinbar noch heute auf ein Brandopfer. Walter Peter setzte "Drei Holztürme" an den Waldsaum, einer geweißt, einer verkohlt und einer naturfarben. Sie symbolisieren vielleicht gegensätzliche Lebensaspekte. Harald Stieding ist ein Künstler aus Deutschland und zeigt eine Arbeit mit dem Titel "Argusstein am Hainich". in der Form eines alten Grenzsteines steht der Stein hier. Aber hier sind aus den hundert Augen des mythologischen Argus ein einziges Auge geworden, das über dem Hainich wacht. Der Wanderer kann durch das Auge direkt zum Inselsberg blicken. Die "Ost-West-Pyramide" von Jakub Lewinski ist das einzig durchgängig aus Metall gearbeitete Objekt. Schon von weitem ist es durch die zwei Signalfarben, Rot und Blau, zu sehen. Lewinski greift die politische Hoffnung auf, dass Ost und West zusammenwachsen, zumindest in der Kunstlandschaft. "Der Baumwagen" von Eberhard Krüger aus Stein und lebendem und totem Holz ist die vorletzte Arbeit des Wanderweg s. Zwei Findlinge tragen den Wagen, in dessen Mitte zwei Bäume wachsen. Der Wagen wird von dem größeren der beiden Bäume scheinbar gezogen. Die Begrenzung des Wagens nutzt der ermüdete Wanderer gern als Ort der Erholung und Entspannung. Drei markante Wegzeichen setzt der Künstler Hermann Hugo Oberhäuser. Der Titel der Arbeit: "Spannung" vvird verkörpert durch dreihölzerne Stelen. Es scheint, als hätte er mit viel Gewalt keilartige Findlinge in die Buchenstämme gezwungen, nur zwei eiserne Reifen halten die gespaltenen Stämme noch zusammen. Es ist ein Materialkontrast, der das spannungsreiche Verhältnis zwischen Natur und Kultur versinnbildlicht. Nun neigt sich der Weg dem Ende zu. Die 6,5 Kilometer sind bewältigt. Der Skulpturenwanderweg spricht von einer tiefen Harmonie zwischen Mensch, Kunst und Natur Besonders die aus Holz geschaffenen Arbeiten weisen eine deutlichen Bezug zur Natur auf. Dieses Material, direkt der Natur entnommen, kehrt, verwandelt in ein Kunstwerk, in die Natur zurück. Die phantasievollen Gebilde warten auf interessierte Wanderer und Kunstfreunde.

 

Artikel von Diana Henkel, Kunstpädagogin, erschien in "Junge Kunst" Ausgabe 40

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